18.06.2010 Einblicke in die Randzonen der Gesellschaft
Die Thüringer Schriftstellerin Anne Gallinat hat ihr im Greifenverlag erschienenes Buch "Hannes' Bistro" in Suhl vorgestellt
Geschichten, die auf der Straße liegen, hat Anne Gallinat in ihrem neuen Roman verarbeitet. Herausgekommen ist "Hannes' Bistro", ein Zweihundertseiter im Taschenbuchformat, der punktgenau zur diesjährigen Leipziger Buchmesse beim Rudolstädter Greifenverlag das Licht des deutschen Bücheruniversums erblickt hatte - und zwar im Digitaldruckverfahren ohne feste Auflage. Aber mit Nachproduktionsgarantie binnen drei Tagen.
"Ich habe ein bisschen geschwitzt, ob das Buch noch fertig wird. Und ich habe es das erste Mal zur Messe gesehen, also am Stand des Verlags frisch abgeholt", sagte die Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller in Thüringen vor ihrer Lesung in der Suhler Rimbachbuchhandlung im Rahmen der "Lesereihe 2010" des Südthüringer Literaturvereins.
Ihre Messe-Lesung hatte sie deshalb noch aus ihrem Manuskript bestritten. Dieser Zustand war am Mittwoch überwunden. Ordnungsgemäß reihten sich ihr Vorleseexemplar mit Lesezeichen samt dem obligatorischen Wasserglas und Verkaufsbänden auf ihrem Vorleserinnentischchen auf. Dahinter die Autorin, Jahrgang 1965, geboren in Potsdam-Babelsberg, wo sie ihr Studium der Filmwissenschaften und der Dramaturgie absolviert hatte. Eigentlich war ihr Ziel von vornherein die Arbeit mit und an der Literatur gewesen. Abgehalten hatte sie die politische Infiltration des DDR-Germanistikstudiums.
Für ihre Milieustudie, an der sie drei Jahre geschrieben hat, war sie in ihrem Wohnort Saalfeld zuerst einmal auf Feldforschung gegangen. Nicht alle der Wohnsitzlosen, die sie beobachtet hat oder mit denen sie ins Gespräch gekommen ist, wissen, dass sie literarische Muse geworden sind. "Einer lebt gar nicht mehr. Der wirkliche Doktor ist im Winter vor drei Jahren in seiner Wohnung erfroren, da war ich sehr erschüttert", sagt die Autorin, die "Hannes' Bistro" als einen Gegenentwurf zu ihrem ersten, Metapher gesättigten 2004er-Roman "Der blutrote Ahornbaum", den sie rückblickend als elitär empfindet, verstanden wissen will.
Herausgekommen ist eine Geschichte, welche die Balance zwischen Schicksal, Schuld und Unschuld halten will und welche den Blick gezielt auf die "Bierbüchsen-Leute" lenkt, die sich in Hannes' Spelunke treffen. Denen hat sie - "weil einfache Menschen Mundart sprechen" - einen Fantasie-Dialekt in den Mund gelegt, der an das Thüringische erinnern soll.
Ob das beim Lesen jedermanns Sache ist, bleibt offen. Sicher ist, dass die Nöte und der Alltagstrott des fahrradverliebten Ex-Chirurgen oder der kirchenchorgefestigten Bärbel nebst ihrer Gefährten zwischen zusammenramschendem Einkaufsverhalten, Liebesmüh' und diakonischem Duschvergnügen tiefe Einblicke in die Randzonen der Gesellschaft nach dem Mauerfall bieten.
Eine schnörkellose Sprache in pädagogischer Einfachheit macht den Roman für Erwachsene prinzipiell auch für den Mittelstufen-Schulunterricht geeignet. Vielleicht haben da ihre vorangegangenen Werke, die beiden Kinderbücher "Straßenhändler" und "Märchenzauber für die Grundschule", stilistisch ein bisschen zu sehr durchgeschlagen.
Neue Pläne, verrät Gallinat, hat sie zuhauf: Darunter eine moderne Version von Ivan Goncharovs berühmter Oblomov-Novelle von 1859, für deren Realisation sie ein Stipendium beantragt hat.
Quelle: Freies Wort / Bettina Keller
16.06.2010 Anne Gallinat, Vorsitzende des Thüringer Schriftstellerverbandes, ist am Mittwoch, 16. Juni 2010, in Suhl zu Gast.
In einer öffentlichen Lesung in der Rimbachbuchhandlung stellt sie dabei Auszüge unter dem Titel "Doktor Docter" aus ihrem neuen Roman "Hannes' Bistro" vor. Das Buch aus dem Greifenverlag zu Rudolstadt und Berlin fand zur diesjährigen Leipziger Buchmesse seine vielbeachtete Premiere. Beginn für die dritte Veranstaltung im Rahmen der "Lesereihe 2010" des Südthüringer Literaturvereins ist um 19 Uhr in der Rimbachbuchhandlung Suhl. In ihrem Buch verwebt Anne Gallinat kunstvoll die Lebensläufe dreier Stammgäste von Hannes Bistro, allesamt eher Außenseiter der Gesellschaft. Das Bistro ist dabei nicht nur Begegnungsstätte von an der neuen oder der alten Zeit Gescheiterten, sondern wird zugleich auch zum Spiegelbild der Verwerfungen in der neuen Gesellschaft. Dem spürt die Autorin mit Wärme und authentischer Wortwahl nach. Und natürlich kämpfen ihre Helden auch darum, dass ihnen wenigstens dieses kleine Stück scheinbarer Geborgenheit erhalten bleibt...
Anne Gallinat, Jahrgang 1965, studierte an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg. Seit 1999 arbeitet sie als freiberufliche Autorin. Ihre Vita verzeichnet mehrere Kinderbücher und bisher zwei Romane. Sie leitet in Saalfeld literarische Projekte in Schulen und im Stadtmuseum, führt Schreibwerkstätten und verfasst Buchrezensionen und Theaterkritiken.
Quelle: Thüringer Allgemeine (TA) / Holger Uske
28.5.2010 Gesinnung hinter Gittern
Der Fluch der NVA-Soldaten erwischte ihn, und er merkte es nicht einmal. Erst im Stasi-Gefängnis wurde dem Dresdner Klaus Auerswald damals klar, dass ihm mehr droht als eine Disziplinarstrafe wegen des Hörens von West-Radiosendern. Es ist der Sommer 1968, Truppen des Warschauer Paktes sind gerade in die Tschechoslowakei einmarschiert und die DDR-Behörden reagieren empfindlich auf Systemkritik, wie der Wehrpflichtige Auerswald sie im Kameradenkreis geäußert hatte: Der Einmarsch sei unrechtmäßig, die SED unterdrücke die Meinungsfreiheit und der Sozialismus sei überhaupt reif für Reformen, fand der gerade 20-Jährige.
Für seinen Bataillonskommandeur ein klarer Fall. Angeblich um eine zehntägige Arreststrafe abzubrummen, wird der bekennende Beat-Fan ins Stasi-Untersuchungsgefängnis gebracht. Dort eröffnet ihm ein Vernehmer, dass er unter dem Verdacht stehe, "staatsfeindliche Hetze" begangen zu haben.
In den folgenden zwei Jahren lernt Klaus Auerswald den Alptraum aller DDR-Soldaten kennen. Das Militärgefängnis Schwedt ist die zentrale Strafanstalt für die sogenannten Bewaffneten Organe, die seit 1956 über eine eigene Militärgerichtsbarkeit verfügen. Für kleinere Vergehen verhängen Vorgesetzte direkt Disziplinarstrafen, um alles andere kümmern sich Militärgerichte, Militärobergerichte und das Militärkollegium des Obersten Gerichtes der DDR.
Dienststellen der Militärstaatsanwaltschaft ermitteln wegen Fahnenflucht und Schlägereien, sie untersuchen Angriffe auf Vorgesetzte, Missbrauchsfälle etwa im Zusammenhang mit der EK-Bewegung, aber auch Fälle von Diebstahl, Waffenbenutzung oder staatsfeindlichen Äußerungen. So wurde 1981 der Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen versuchtem Landesverrat von einem Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. Auch der Offizier, der für das Unglück verantwortlich gemacht wurde, bei dem am 24. August 1965 ein NVA-Schwimmpanzer PT 76 35 Ferienlagerkinder auf dem Riewend-See bei Brandenburg an der Havel mit in die Tiefe riss, landete in Schwedt.
Klaus Auerswald erlebt einen Prozess, der nicht öffentlich vor dem Militärobergericht des Militärbezirkes 3 in Leipzig stattfindet. Der Angeklagte bekommt zuvor weder die Klageschrift oder Beweise zu sehen, seinen Verteidiger spricht er wenige Tage vor der Verhandlung für eine halbe Stunde.
Das Urteil steht sowieso fest. Der gelernte Elektromonteur geht für seine Gesinnung hinter Gitter - für ein Jahr und acht Monate nach Schwedt, die Strafanstalt, deren Name allein Generationen von NVA-Angehörigen in Furcht versetzt. In zwei Kompanien, die von als "positiv" eingeschätzten Gefangenen befehligt werden, findet hier ein Strafvollzug auf Strafarbeitsbasis statt, bis 1982 noch unter der Regie des Innenministeriums, später dann unter direkter Leitung der NVA. "3.45 Uhr war Wecken", erinnert sich Auerswald, "dann Morgensport, dann Frühstück und 5.30 Uhr Abfahrt ins Betonwerk." Schläge gehören dazu, "der Knüppel klatschte regelmäßig in die Kniekehlen", heißt es in Auerswalds NVA-Knastbuch ". . . sonst kommst Du nach Schwedt" (Greifenverlag), in dem der Sachse sich die Last der Erinnerungen vom Leibe zu schreiben versucht.
Die Strafgefangenen, unter denen wegen politischer Delikte Verurteilte ebenso sind wie Gewalttäter und Leute, die etwa "aus Versehen" jemanden erschossen haben, arbeiten Zwölfstunden-Schichten an sechs Tagen der Woche, es gibt nur wenig zu essen, dafür aber an zwei Wochenenden jedes Monats militärische Ausbildungsübungen mit Holzgewehren. Die Strafe schützt die meisten vor dem Wehrdienst nicht: Offiziell gelten alle nach Militärstrafrecht Verurteilten weiter als NVA-Angehörige, ihre nach der Strafverbüßung verbleibende Dienstzeit müssen sie in der Regel bis zum letzten Tag der regulären Dienstzeit nachdienen. 50 Tage sind es im Fall von Klaus Auerswald. Und draußen vor dem Kasernentor warten anschließend schon die Stasi-Spitzel.
Quelle: Steffen Könau / Mitteldeutsche Zeitung
27.5.2010 Greifenverlag Rudolstadt mit positiver Geschäftsbilanz
Der Greifenverlag hat auf seiner Generalversammlung eine positive Bilanz seiner Tätigkeit seit dem Umzug von Berlin nach Rudolstadt gezogen.
Der Verlag habe im August mit seiner Arbeit im Handwerkerhof begonnen und seither mehr als 4500 Bücher an den Buchhandel ausgeliefert und dadurch rund 85.000 Euro umgesetzt, sagte Verlagsleiter Holger H. Elias. Etwa die Hälfte des Umsatzes resultiere aus der Tätigkeit als Dienstleister für andere Verlage.
Überregionaler Bestseller des Verlages war 2009 die Biografie des ehemaligen Ministerpräsidenten Dieter Althaus "Vom Sonnenkind zum Sorgenkind". Regional habe sich das Buch "Harte Zeiten im Land des Blauen Goldes" von Horst Rost besonders gut verkauft.
Nach Ansicht des Verlagsleiters befinde sich der Greifenverlag auf einem guten Weg. Als dringlichste Aufgabe bezeichnete Elias die finanzielle Konsolidierung und das Erschließen neuer Vertriebskanäle. Die Programmatik des Verlages soll auch künftig von einer Mischung aus klassischen und zeitgenössischen Werken gekennzeichnet sein. Ein Hauptschwerpunkt bleibe die Herausgabe regionaler und regionalgeschichtlicher Literatur, die auch außerhalb Thüringens vorangetrieben werden soll. Hierzu werde der Verlag ein Franchisekonzept entwickeln.
Der Greifenverlag zu Rudolstadt & Berlin war nach seiner Rückführung von Berlin nach Rudolstadt als Genossenschaft neu gegründet worden. Derzeit gehören der Genossenschaft 23 Mitglieder an.
Quelle: Ostthüringer Zeitung (OTZ)
06.05.2010 Ein Leseland für jeden aus der Familie
Sonneberger Stadtbibliothek verleiht nicht nur Bücher, sondern organisiert auch die verschiedensten Veranstaltungen
Kinder- und Jugendliteratur, Krimis, Biografien, Historisches, Reiseberichte, Fachliteratur, Science Fiction, Unterhaltsames. Alle Genres sind vertreten. Lesefreunden, die sich bei einem Besuch in der Einrichtung im Rathaus auf Grund des umfangreichen Angebotes nicht so richtig für etwas Bestimmtes entscheiden können, stehen die insgesamt vier Mitarbeiterinnen um Leiterin Barbara Wronka mit kompetenter Beratung und manchem "Geheimtipp" helfend zur Seite.
Die Versorgung von Leseratten jeden Alters mit entsprechender Literatur ist das eine. Daneben bringt die Crew der Stadtbibliothek regelmäßig Leben in die Räumlichkeiten am Rathausplatz. Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Mit unterhaltsamen Aktionen werden Buchfreunde oder solche, die es werden wollen, in unterschiedlichste Literaturbereiche eingeführt. Autoren und Mitarbeiter von Verlagen sind gern gesehene Gäste, wenn zu Lesungen eingeladen wird.
Jüngstes Beispiel - aus Anlass des 3. Thüringer Tages der Literatur veranstaltete der Rudolstädter Greifen-Verlag eine Lesereise durch Thüringen. Im Mittelpunkt der Tour, die am 27. März auch in Sonneberg Station machte, stand die Vorstellung des Postum-Romans von Paul Elgers "Im Schatten Napoleons".
Paul Elgers, langjähriger Cheflektor des Rudolstädter Greifenverlages, war ein Bestseller-Autor und bekannt für seine spannenden Kriminalerzählungen und historischen Romane. Elgers starb 1995 kurz nach seinem 80. Geburtstag. Seine zahlreichen Titel werden noch immer leidenschaftlich gelesen. Kurz vor seinem Tod hatte der bekannte Autor die Arbeiten zu seinem Roman "Im Schatten Napoleons" fertig gestellt. Eine Veröffentlichung kam wegen der unklaren Zukunft des Rudolstädter Verlagshauses aber zunächst nicht in Betracht.
In den Wirren der Nachwendezeit verblieb das spannende Manuskript um den berühmt-berüchtigten Herzog von Otranto, Joseph Fouché, zunächst im Schubkasten der Erben des Schriftstellers. Erst als der Rudolstädter Greifenverlag über eine Neuauflage der Werke von Paul Elgers mit den Erben wieder ins Gespräch kam, stellte sich heraus, dass sich das Romanmanuskript in deren Besitz befindet. Beide Seiten einigten sich darauf, das Werk als besonderes Highlight zur Leipziger Buchmesse präsentieren zu wollen.
Zur Lesung des bisher unveröffentlichten Romans fand sich Ende März ein Dutzend Interessierte in der Stadtbibliothek ein. Der Verlagsleiter Holger H. Elias höchstpersönlich präsentierte den Anwesenden einen detaillierten Einblick in den Roman "Im Schatten Napoleons". In diesem zeichnete Paul Elgers die - oftmals unterschätzte - Rolle des Intriganten und berühmt-berüchtigten Mitrailleur de Lyon (Schlächters von Lyon), Joseph Fouché, dem Herzog von Otranto, nach. Der 80jährige Autor zog darin noch einmal alle Register seines Könnens und recherchierte dafür sogar in französischen Archiven. Dort fand Elgers die Materialien für den authentischen Stoff, den er mit journalistischen Mitteln bearbeitete. Herausgekommen ist ein fesselnder Roman mit erlebbaren Dialogen. "Fouché darf zweifelsohne als Begründer der modernen Spionage bezeichnet werden. Selbst unsere Geheimdienste heute leben noch von dem, was Fouché durch alle Schichten der Gesellschaft aufgebaut hat", schloss Holger H. Elias seine Ausführungen zum letzten und äußerst spannenden Werk von Paul Elgers
Quelle: Freies Wort
06.05.2010 Hermann-Kesten-Stipendium für Geraer Autorin Ulla Spörl
Die Geraer Autorin Ulla Spörl erhält für die Zeit vom 9. bis 23. Mai das Herrmann-Kesten-Stipendium für Autoren und Journalisten der Stadt Nürnberg. Gemeinsam mit weiteren Autoren und Journalisten aus den 17 Partnerstädten Nürnbergs nimmt sie an einem umfangreichen Begleitprogramm teil. Ulla Spörl hatte sich mit ihrem Essay zum Thema „Erinnerungskultur“ für das Stipendium beworben und wurde durch die Stadt Gera unterstützt.
Die Gäste werden durch Nürnbergs Oberbürgermeister empfangen. Es sind u.a. Besuche bei der „Nürnberger Zeitung“, in der Streicher-Bibliothek, im Germanischen Nationalmuseum und in der Spezialausstellung „Das Gleis“ im Nürnberger Dokumentationszentrum vorgesehen. Auf dem Programm stehen auch Gesprächsrunden mit Journalisten, Autoren, Politikern und interessierten Bürgern.
Ulla Spörl wurde 1955 in Schleiz geboren. Ihr zweiter Roman „Akte Doyle“ ist gerade in zwei Bänden im Greifenverlag zu Rudolstadt erschienen.
Quelle: Gera TV
12.04.2010 Anne Gallinat präsentiert ihr neues Buch
"Hannes Bistro" heißt das neue Buch von Anne Gallinat - erschienen im Greifenverlag -, das sie jetzt in Rudolstadt vorstellte. Es erzählt die Lebens-Geschichten dreier Bistro-Stammgäste, allesamt vom Leben gebeutelt.
In Hannes Bistro spielen sich interessante Geschichten ab. Noch aufregender sind mitunter aber die Lebens-Geschichten derer, die als Stammgäste in seinem Lokal verkehren.
Anne Gallinat stellte am Freitag im Zunftkeller des Handwerkerhofs in Rudolstadt jene Geschichten vor, die sich in und um Hannes Bistro so der Titel ihres aktuellen Buches aus dem Greifenverlag begeben.
Hannes hat sich in einem ehemaligen HO-Fleischerladen eingerichtet. Neu sind lediglich zwei Stehtische und ein Tresen, erklärte Gallinat. Bei ihm fühlen sich Absteiger und Versager wohl, erzählte die Vorsitzende des Thüringer Schriftstellerverbandes. Das Leben dreier dieser Stammgäste beleuchtet sie im Buch besonders.
Oftmals führten die Mitleid erregenden, aber liebevoll erzählten Erlebnisse und Ansichten des Docters unter den Zuhörern zu einem Schmunzeln. Alle nennen den von der Stasi bespitzelten Alkoholiker im Buch nur Docter, weil er einstmals ein Chirurg war, der Arbeit und Frau verlor. Nur eine ist ihm treu geblieben: sei Ulrikche. Sie ist eine feine Dame, kein gewöhnliches Weibsbild, verteidigt er seine Beste. Die Rede ist von seinem Fahrrad das Einzige, das ihm blieb. Eine feine Dame ist außerdem Ruth, die in Hannes Bistro ebenso bekannt ist wie Bärbel oder Friedrich mit dem Hütche. Die Dialoge im Buch schreibt das Leben, in einem Dialekt, den Gallinat als fiktiv bezeichnet. Ursprünglich sollte es ein Thüringer Dialekt sein. Aber in jeder Ecke wird hier anders gesprochen, deswegen ist der Dialekt in meinem Roman keiner Region zugeordnet, erklärte sie. So klingen die Texte ein bisschen nach Thüringen, Bayern und Saarland.
In der Diskussion nachgefragt, erzählte Gallinat aus ihrem Leben als Freiberuflerin, von der Zusammenarbeit mit dem Greifenverlag und ihrer Leidenschaft, dem Schreiben.
Dominique Lattich / Ostthüringer Zeitung (OTZ)
31.03.2010 Randgestalten der Gesellschaft treffen sich in "Hannes´ Bistro"
Es sind skurrile Gestalten, die dieses Buch von Anne Gallinat bevölkern. Romanfiguren, Zauberfiguren, biedere Leute, Messies, halbwüchsige Kriminelle, Hirnrissige, vom Leben Abgeschriebene.
Im titelgebenden «Hannes Bistro» versammeln sie sich, einem kleinstädtischen Stehimbiss zwischen vergilbten Fliesen. Darin steht der aus allen Hosenbünden quellende Hannes und macht jedem «ä Bierchen». «Scheen nachenanner.» Denn hier spricht man merkwürdig, wohl so, wie das Volk spricht, mit bildhaften Wendungen, verschliffenen Sätzen, zerfetzter Grammatik. «Anners wie die Stadtoberen.»
Stadtrat Blücher zum Beispiel, der das Beste will, und dem die Stadt unter der Hand zerbröckelt. Herzi hingegen berlinert. Nicht weil sie aus Berlin ist, sondern weil sie es schick findet und glaubt, dass dies zu weißen Schuhen und grellgefärbten Haaren passt. Möslein wiederum spricht ein überkorrektes, altmodisches Deutsch; Möslein, der kleine verwachsene Mann, der sich eine kleine Frau und kleine Kinder wünscht, und dann als Kinderschänder in den Akten landet.
Die drei Geschichten, hier durch seltsame Protagonisten verwoben, sind Beziehungsgeschichten: Die anrührende zwischen einem sprachlich und körperlich Behinderten und seiner verhuschten Freundin, der es dennoch durch und durch geht, wenn der Zigeuner Sultan aus dem Kosovo auftaucht. Die Liebesgeschichte zwischen dem schwerstgeschädigten Alkoholiker Dr. Docter und seinem Fahrrad, dem Ulrikchen. Und die Beziehung mehrerer von Sozialhilfe lebenden Familien zu ihren Wohnblocks am Waldrand, wo man im Hof gemeinsam Kaffee trinkt und Quark ohne Boden isst. Die Geschichten spielen vor und in Müllgebirgen, auf dem laut dröhnenden Marktplatz, in Asylbewerberkasernen, aber auch im dunklen Tann zwischen Felswänden. Die Szene: eine thüringische Stadt am und im Wald.
Man merkt der Autorin ihre Herkunft aus der Filmbranche an. Kammerspiel und Große Bettleroper wechseln einander ab, Wortgefecht und Bildhintergrund geben reizvolle Kontraste, und gelegentlich marschieren auch mal etwas unmotiviert große Menschenmassen durchs Bild, allein eines schrottreifen Fahrrads wegen. Da geht es dann von der Stadt hinaus in Wald und Feld: man kann solches sich gut auf Leinwand oder Bildschirm vorstellen. Außenaufnahme, O-Ton, Kommentar aus dem off.
In Hannes' Bistro blühen noch Eisblumen, bevor der Kachelofen bullert. Lugt da nicht irgendwo das 19. Jahrhundert hervor? Diese Welt geht zu Ende, man wird von Spekulanten aus der Wohnung gesetzt, die Lokalpresse steht auf der fortschrittlichen, also der menschenverachtenden Seite, und irgendwann wird unrühmlich gestorben. Romantisch-kritischer Realismus mit einem Schuss Wehmut und einer Prise Trotz.
Anne Gallinat: Hannes Bistro. Roman, Greifenverlag zu Rudolstadt, 150 Seiten, 12.90 Euro
Matthias Biskupek / Thüringische Landeszeitung (TLZ)
29.03.2010 Thüringer Tag der Literatur in Rudolstadt
Rudolstadt. Bereits zum dritten Male veranstaltete der Thüringer Literaturrat am Samstag den Thüringer Tag der Literatur. Die zentrale Veranstaltung für den Freistaat zu diesem Ereignis eröffnete Dr. Jens Kirsten aus Weimar, Geschäftsführer des Gremiums, vor mehr als vierzig Gästen im Rudolstädter Schillerhaus.
Thema des Tages war der Greifenverlag, der von 1921 bis 1926 seinen Sitz im Haus Schillerstraße 41 hatte, an dem heute noch eine Tafel auf diese Verbindung hinweist. Ziel des Tages der Literatur ist es, die Auseinandersetzung mit den Verbindungen des eigenen Wohnortes und dessen Umfeldes zur Literatur in Vergangenheit und Gegenwart zu fördern, umriss Kirsten die Absicht des Veranstalters.
Matthias Biskupek, Sprecher des Literaturrates und Rudolstädter Schriftsteller, zudem heute selbst in der Schillerstraße 41 zu Hause, berichtete in seiner gewohnt satirisch-kurzweiligen Art Anekdoten, Wahres und Wahrscheinliches aus dieser Zeit.
Verlagsgründer Karl Dietz war wohl eine der interessantesten, aber auch umstrittenen Verlegerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Gegründet 1919 in Hartenstein in Sachsen, machte sich der Greifenverlag nach seinem Umzug ins thüringsche Rudolstadt schnell einen Namen durch aufstrebende expressionistische Autoren wie Johannes R. Becher, Paul Zech und Erich Weinert.
Biskupek stellte Becher in unterschiedlichen Facetten seines Wirkens nicht nur als Verfasser der DDR-Nationalhymne vor. Paul Zech hingegen ist aus der Literaturlandschaft der vergangenen Jahrzehnte fast völlig verschwunden. Der 1946 in Buenos Aires verstorbene Dichter erhielt durch Klaus Kinskis Interpretation seiner Verse Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund aus den Lasterhaften Balladen und Liedern des François Villon zwar eine unverhoffte Wiederentdeckung, sein übriges Werk schlummert aber weiterhin in der Versenkung. Sehr zu unrecht übrigens, wie der Rudolstädter Schauspieler Hans Burkia am Samstag mit einem Gedicht aus dem Band Die ewige Dreieinigkeit, erschienen 1924 im Greifenverlag, eindrucksvoll zeigte.
Überhaupt trugen die Texte, die der Mime mit Verve vortrug, zur Erheiterung des Publikums bei. Auch pikante Enthüllungen um das Werk des Sexualpädagogen Max Hodann, die in der Residenzstadt für Empörung und gerichtliche Auseinandersetzung sorgten, wurden von Burkia und Biskupek ins rechte Licht gerückt.
Die Jahre zwischen 1921 und 1926 waren wohl die bisher besten in der wechselvollen Geschichte des renommierten Verlages, der auch nach dem Kriege noch einige Jahre eine literarische Vorreiterrolle in der Literaturszene der DDR spielte, fasste Matthias Biskupek zusammen. Umso erfreulicher sei es, so der Schriftsteller, dass der neugegründete Greifenverlag im vergangenen Jahr in die Schillerstadt zurückgekehrt sei.
Lutz Lindner / Ostthüringer Zeitung (OTZ)
27.03.2010 Zweiter Roman von Anne Gallinat im Greifenverlag erschienen
Es sind die kleinen Leute von nebenan, die in Hannes` Bistro ein- und ausgehen. Sie finden sich wieder im Aufschwung und Untergang ihres Treffs, der ihnen ein bisschen Wärme und Vertrautheit vermittelt. "Es ist eine Tragikomödie", sagt Anne Gallinat über ihr jüngstes Buch.
Saalfeld. "Es gibt auch was zu lachen, aber kein Happy End, meint Anne Gallinat. Die 45-Jährige, die seit 15 Jahren in der Feengrottenstadt lebt und sich inzwischen als Saalfelderin fühlt, hält ihr gedrucktes Werk selbst erst seit einer Woche in der Hand. Pünktlich zur Signierstunde auf der Leipziger Buchmesse lag ihr zweiter Roman, Hannes Bistro aus dem Greifenverlag zu Rudolstadt, vor. Die eigentliche Buchpremiere findet erst am 9. April, 19 Uhr, im Alten Rathaus von Rudolstadt statt.
Das Cover verrät Lokalkolorit: Die Saalstraße ist zu erkennen. Gallinat, die auch als Stadtführerin unterwegs ist und Schreibprojekte mit Kindern und Erwachsenen leitet, lässt sich gern anregen von den Sorgen und Freuden der Menschen, mit denen sie zu tun hat. Die Handlung des Romans sei jedoch erfunden, betont die Autorin, die bereits am nächsten Manuskript arbeitet. Sie greife darin das literarische Oblomow-Motiv des charmanten Nichtsnutzes auf, verrät die Vorsitzende des Thüringer Schriftstellerverbandes, die Amt und Schreiben nur in einem gut organisierten Arbeitstag zusammenbringt.
Sabine Bujack-Biedermann / Ostthüringer Zeitung (OTZ)
26.03.2010 Rudolstädter Fanal zum Literatur-Tag
Becher zecht, und Zech bechert in der Schillerstraße, so könnte am heutigen Sonnabend das Motto im Rudolstädter Schiller-Haus zum Auftakt des 3. «Thüringer Tags der Literatur» lauten.
Rudolstadt/Weimar. Nicht doch, widerspricht Matthias Biskupek: Erstens sei Johannes R. Becher nie in Rudolstadt gewesen - «er verkehrte mit seinem Verleger Karl Dietz postalisch und schrieb im Briefkopf ,Rudolfstadt'» -, und zweitens habe man, wenn Paul Zech den Greifenverlag besuchte, höchstwahrscheinlich nur Kaffee getrunken.
Der Autor Biskupek, der «sieben Meter Luftlinie» schräg über dem ersten Sitz des Greifenverlages wohnt, wird in der zentralen Eröffnungsveranstaltung an das Wirken des bedeutenden Verlegers erinnern. Dietz hatte sich 1921 in der Schillerstraße 41 einquartiert und dort bis 1926 - da erfolgte der Umzug auf die Heidecksburg - erfolgreich Bücher gemacht: darunter Karl Grünbergs Roman «Brennende Ruhr», die ersten Bände des Greifenkalenders und auch zwei Titel von Paul Zech. Bechers Gedichtband «Ein Mensch unserer Zeit» erschien erst 1929. Biskupeks Vortrag zur Geschichte des Verlags, der als Privatunternehmen lange den Verstaatlichungsbestrebungen in der DDR getrotzt, sich bis kurz nach der Wende behauptet hatte und kürzlich als digitaler Kleinverlag wiedergegründet worden ist, wird textlich und musikalisch umrahmt durch einen Schauspieler und einen Musiker.Insgesamt wird der «Thüringer Tag der Literatur» mit 40 Veranstaltungen - zumeist Lesungen, aber auch Bücherbasare, Märchenstunden und literarische Stadtführungen - landesweit begangen. Wie schon in den letzten Jahren wolle man mit Hilfe von Vereinen, Bibliotheken, Museen, Dichterhäusern und Schulen das literarische Potenzial des Landes erlebbar werden lassen, so Jens Kirsten vom koordinierenden Literaturrat. Neben vielen einheimischen sind auch Autoren aus anderen Bundesländern in Thüringen unterwegs, u. a. Christoph Dieckmann, Wladimir Kaminer, Thomas Rosenlöcher und Günter Wallraff.Frank Quilitzsch / Thüringische Landeszeitung (TLZ)
25.03.2010 Familientreffen mit Verleger
Greifenverlag ehrt Paul Elgers mit Lesung aus dem Roman „Im Schatten Napoeons“
„Paulus" wurde er liebevoll von Familie und Freunden genannt. Am 23. März wäre Paul Elgers (1915-1995) 95 Jahre alt geworden.
Mit einer Festveranstaltung in der Rudolstädter Stadtbibliothek ehrte der Greifenverlag am Dienstagabend den Autor und präsentierte seinen bisher unveröffentlichten Roman „Im Schatten Napoleons". Zugleich feierte der Verlag mit dem einjährigen Jubiläum der Wiedergründung wenige Tage nach dem erfolgreichen Auftritt auf der Leipziger Buchmesse „nach langem Schweigen die Rückkehr in die Verlagslandschaft", so Holger Elias.
Dass dieses Buch von Paul Elgers überhaupt veröffentlicht werden konnte, ist zuerst seiner Frau Inge Schmidt-Elgers zu verdanken. Als sie von den Plänen zur Wiedergründung des Greifenverlages erfuhr, ging sie auf Holger Elias zu. „Ich habe mich vorgestellt und ihm gesagt, dass es da noch ein unveröffentlichtes Manuskript gibt", erzählte sie am Rande der Lesung und ergänzte: „Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden". So war der Weg für die Zusammenarbeit geebnet. Ihre Söhne Dirk und Robert Nauer, die bei diesem „erweiterten Familientreffen" ebenfalls zugegen waren, unterstützten das Vorhaben, „Sie haben uns mit offenen Armen empfangen", so Holger Elias an die Familie. Er kündigte eine Buchreihe zum Andenken an Paul Elgers an. „Ein Vorhaben, das wir mit ganzem Elan angehen werden", wie er sagte.
Eine Kostprobe aus dem Werk über einen der größten Intriganten der Geschichte, Napoleons Zeitgenossen Joseph Fouche, gab er dann in einer Dialoglesung gemeinsam mit Robert Nauer. Etwa 40 Zuhörer wurden Zeuge dieser Premiere und hörten dabei auch Anekdoten aus dem Familienleben des Autors.
Holger Elias nutzte zudem die Gelegenheit, um für das Genossenschaftsmodell des jungen Verlages zu werben. Von den derzeit 20 Mitgliedern sind die wenigsten Rudolstädter. „Aber gerade das wäre wichtig, um ein Zeichen zu setzen", so der Verleger.
Der Greifenverlag setzt die Reihe seiner Premiere-Lesungen fort. Am 9. April stellt die Saalfelder Autorin und Vorsitzende des Thüringer Schriftstellerverbandes Anne Gallinat ihr neues Buch „Hannes Bistro" vor. Am 15. April liest Karl-Heinz Bommhardt aus seinem Buch „Im Schatten der Heidecksburg". Beide Veranstaltungen finden im Saal des Alten Rathauses statt.
Heike Enzian / Ostthüringer Zeitung
23.03.2010 Greifenverlag: Zwischen Napoleon und Bistro
Das Verschwinden traditioneller Verlage und die Verödung der mitteldeutschen Bücherlandschaft wird oft beklagt. Umso schöner, dass ein wichtiger Thüringer Verlagsname wieder aufgetaucht ist: der Grei¬fenverlag zu Rudolstadt.
Von Matthias Biskupek / Thüringer Allgemeine
RUDOLSTADT. Ein Autor des alten Unternehmens, einst auch dessen Cheflektor, hätte heute seinen 95. Geburtstag gefeiert: Paul Schmidt-Elgers. Er schrieb das, was in der DDR Spannungsliteratur hieß, also erfolgreiche Krimis, aber auch Historienromane, so die „Jungfrau Johanna". Aus dem Nachlass präsentiert der neue Greifenverlag nun den Roman „Im Schatten Napoleons" mit dem Untertitel „Joseph Fouche - Meister der Intrige". Kenner werden einwenden: Über den Polizeiminister in wechselnden französischen Regierungen hat doch Stefan Zweig ein packendes und gültiges Lebensbild vorgelegt. An Zweig reicht Elgers gewiss nicht heran; er wählt einen anderen Zugriff, beschreibt quasi dokumentarisch Fall, Wiederaufstieg und tiefen Fall des Imperators ab 1813. Fouches Leben wird daneben, auch in kurzen Rückblenden, eben „im Schatten", geschildert. Das Buch bietet eine genaue Recherche aller diplomatischen Winkelzüge und des Fürstengeschachers zwischen Paris, Neapel, Dresden und Elba, zwischen Völkerschlacht bei Leipzig und dem Tod des gefürchteten Opportunisten im Exil zu Triest.
Doch auch der Gegenwart fühlt sich der neu gegründete Verlag verpflichtet. „Hannes Bistro" von Anne Gallinat ist ein kurzer Roman, der mehrere Erzählungen einschließt: Die meist Benachteiligten, Ausgegrenzten, aber auch lokalen Größen, die sich in einer kleinstädtischen Imbissbude treffen, beschreibt die Saalfelder Autorin treffsicher und pointiert, lässt sie in bodennaher Umgangssprache von hohem poetischen Reiz zu Wort kommen. Lebenswege kreuzen und verstricken sich. Man merkt der Autorin ihre gediegene Film-Ausbildung an; manche Geschichte, manch Charakter kann man sich wunderbar auf Leinwand oder Bildschirm vorstellen; wenn Geschichten nicht auf der Straße liegen, so sitzen sie im Bistro herum. Trotz der Versicherung, dass alle Personen der Fantasie der Autorin entsprangen, werden Kleinstädter die eine oder andere Figur wiederentdecken, vielleicht nicht nur in Saalfeld.
20.03.2010 Noch ein Komplott (Rezension)
André Steiniger deckt das Geheimnis der Tempelritter (noch) nicht auf
Ist den Griechen nichts heilig? Und doch: In der hellenischen Republik, wo die aufgetürmten Staatsschulden den Euro unter sich zu begraben drohen, während sich manche Staatsbedienstete schon mit dreißig Jahren in den Ruhestand verabschieden und jugendliche Massen die Wiege des Abendlandes zum Schaukeln bringen, trotzt in einem abgeschiedenen Winkel die autonome Mönchsrepublik Athos mit ihren orthodoxen Glaubensbrüdern allem Profanen. Zu diesem Heiligen Berg, in die verborgene Abtei von Petrovouni, führt den Privatermittler Mike Heller von der Investigation & Protection S.A. mit Sitz in Brüssel ein Routineauftrag, der bald kein solcher mehr ist. Denn hier gehen weit seltsamere Dinge zu als nur religiöse Liturgie. Redselige Kuttenträger werden zu ihrem Schöpfer befördert, Besucher verschwinden ebenso spurlos wie Fischerboote, die in einer verbotenen Bucht festmachen. Mit jedem Schritt gerät Heller tiefer in das Geflecht eines Mysteriums, das weit in die Geschichte zurückreicht. Die Spur führt ihn an die Hohestätten der mittelalterlichen Tempelritter, des mächtigsten Ordens ihrer Zeit, den Philipp IV. von Frankreich wegen Ketzerei und Sodomie 1307 liquidierte, in Burgen und Klöster in Portugal und Spanien. Doch vielleicht liegt die Lösung des Rätsels um die Kristallköpfe auch unter einer von Schatzsuchern zerpflügten Insel vor der Ostküste Kanadas.
Mit Heller zeichnet André Steiniger eine ironische James-Bond-Variante mit kleinen Defekten am Macho-Gen. Statt eines heißen Drahtes hat der Held hier eher eine lange Leitung. Dennoch wird nichts ausgelassen, was Männern und Frauen Spaß macht, und die vielen ironischen Anspielungen auf die Ian-Fleming-Figur dürften Anhängern dieses Kults Vergnügen bereiten. Auch fehlt es nicht an liebevollen und detailgetreuen Gebrauchsanweisungen für Freunde der Schließ- und Sicherheitstechnik. Vor allem aber leistet Steiniger Aufklärungsarbeit im doppelten Sinn: neben der kriminologischen erkundet er die Geschichte der Handlungsorte. In den Blick geraten dabei Themen wie die rassische Nazi-Institution »Ahnenerbe«, das griechische Obristenregime und nicht zuletzt der klerikale Faschismus unter Salazar sowie Portugals Nelkenrevolution von 1974.
Das angehängte Wort- und Personenregister erweist sich bei der Lektüre als sehr nützlich. Für Nachauflagen wären Illustrationen und Karten zu wünschen, die dem Leser die Orientierung im Gelände erleichtern.
André Steiniger: Das Athos-Komplott. Greifenverlag, Rudolstadt/Berlin 2010, 487 Seiten, 19,90 Euro
Ernst Blofeld / junge Welt
18.03.2010 Buchcover auf der Dose
Kräftig die Werbetrommel gerührt hat der neu gestartete Rudolstädter Greifenverlag. Leere Dosen mit einem aktuellen Verlags-Buchcover, in der Leipziger Straßenbahn verteilt, konnten Messe-Besucher gestern gegen eine Dose Tomatensuppe eintauschen. «Ein Gag», sagt Verleger Holger H. Elias - der kurzzeitig eine Menschenschlange vor dem Stand verursacht. Im vergangenen Jahr wurde der einst renommierte und nach der Wende in den Ruin getriebene Greifenverlag neu gegründet. Künftig wolle er seine Bücher ausschließlich digital statt im Offset-Verfahren drucken, erzählt Elias. So sind kleinere Auflagen möglich. Ab Mai soll die neue Druckerei in der Nähe von Bad Köstritz loslegen.
Auch die Entwicklungen rund ums e-book behält Elias im Auge. Für Fachbücher könnte es jetzt schon interessant sein, in der Belletristik wird er aber wohl erst in sechs Jahren Fuß fassen.
Franziska Nössig / Thüringische Landeszeitung (TLZ)
17.03.2010 Thüringer Neuerscheinungen auf der Buchmesse
Für den Greifenverlag in Rudolstadt ist die Messe nach seiner Wiedergründung im vorigen Jahr eine Premiere. «Für uns hat die Leipziger Buchmesse eine riesengroße Bedeutung», sagte Verleger Holger Elias. «Dort kann man den Kontakt zu den Lesern herstellen.» Auf eine Teilnahme bei der Frankfurter Buchmesse, wo vor allem Rechte und Lizenzen gehandelt werden, könnten kleine Verlage dagegen gut verzichten.
Im Gepäck hat Elias Neuerscheinungen wie den Roman «Im Schatten Napoleons» von Paul Elgers, einst viele Jahre Cheflektor des 1919 gegründeten Verlags. «Wir wollen sein gesamtes Werk veröffentlichen.» In dem historischen Roman geht es um Napoleons intriganten Minister Joseph Fouchè, der auch als «Schlächter von Lyon» bekannt wurde. Autorin Katrin Okumafi beschäftigt sich in «Kein Fleckenwasser für Leoparden» mit dem Leben eines Ausländers in Deutschland. Elias: «Das ist ein ganz mutiges Buch, das auf einer wahren Geschichte beruht.»
Antje Lauschner und Andreas Hummel / Mitteldeutsche Zeitung
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