"Den ganzen Vormittag waren sie nicht aus dem Bunker herausgekommen. Die Tiefflieger hatten den Bahnhof bombardiert, die in der Nähe liegende Kohlengrube und die Landstraße, von der hin und wieder Motorengeräusche zu hören waren. Einmal war auch das Lager beschossen worden, ohne Schaden anzurichten.
Gegen Mittag ging das Gerücht, die amerikanischen Panzer wären bis Weimar vorgestoßen, und am Nachmittag kam der Marschbefehl. Sie hatten gepackt und ihre Koffer mit den Zivilkleidern in den Stollen gebracht, der in den Hang der Grube getrieben und zum Bunker ausgebaut worden war. Nach dem Endsieg würden sie ihre Koffer abholen können.
Abends erhielt jede Stube eine Flasche Weinbrand. Sie holten ihre Spielkarten hervor und begannen zu trinken. Einige meinten, die Amerikaner brächten eigene Banknoten mit, andere behaupteten, alles Geld würde beschlagnahmt.
Die Russen standen in der Nähe von Bautzen. Wir führen nur noch Krieg gegen die Russen, sagte Vormann Spoelle.
Anfangs überließ Neuhaus die Bank den anderen, doch als keiner das Spiel mehr machen wollte, warf er einen Teil seines Gewinns auf den Tisch. Er hatte einige hundert Mark gewonnen, und der Alkohol war ihm zu Kopf gestiegen. Ein seltsames Glücksgefühl war in ihm, und er spürte, dass alles gut ausgehen würde.
Einige wussten, dass er eine Freundin hatte im Dorf, ein dünnes blondes Mädchen, aber sie wussten nichts von dem Vater des Mädchens, mit dem er lange Gespräche geführt hatte. Sie wussten nicht, dass er seinen Anzug, den Mantel und die Wäsche längst ins Dorf gebracht hatte. Man brauchte eine zweite Existenz in dieser Zeit.
Morgen oder in einer Woche wahrscheinlich war das Geld nichts mehr wert. Das mächtige Reich, das sich von den Pyrenäen bis zur Wolga hin erstreckt hatte, war in den letzten Tagen zu einem schmalen Korridor zusammengepresst worden. Jetzt erst wurde ihnen bewusst, dass dieser große Krieg, der die Riesenräume ihrer Kindheit ausfüllte, verloren war. Das Leben war zum Spiel geworden, zu einem wilden, berauschenden Spiel…"
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